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Klassik ist nicht gleich Klassik oder: Wie ich die indische Kultur über die indische Variante des DAS FEST in Karlsruhe besser kennen lernte

Unscheinbar ragt er im Hinterhof empor, zwischen Turn- und Sedansplatz, mitten in der Innenstadt Pforzheims, in der Turnstraße: der Hindu-Tempel der Anhänger der indischen und der sri-lankischen Gemeinde aus der Region Karlsruhe-Pforzheim.

Noch erklingen keine Töne, die von dem Musikfest, das Pforzheimer Margazhi Utsavam 2018, zeugen. Stattdessen heißt es erst einmal: Schuhe ausziehen. Dies habe mit dem Respekt vor den Göttern und der individuellen Reinheit derer, die sie anbeten, zu tun, sagt mir im Laufe des Abends eine der aus Indien stammenden Teilnehmerinnen des Musikfestes. Ebenso interessant ist es, dass Tanz und Gesang unmittelbar in den Alltag und in die Erziehung der indischen Kinder einmünden und deren fester Bestandteil sind. Eben darum beginnen die Kinder an diesem Freitag um die Mittagszeit das Fest und zeigen bzw. zelebrieren stimmlich das, was sie über chennaitische Musik gelernt haben. Sie entstammt dem Austragungsort des Festes, der Region Madras/Chennai und Jaffna, einer tamilischen Stadt in Nord Sri Lanka. Viele Teilnehmer des Festes lernen bei der Musiklehrerin Jayadharshini, die aus Gernsbach kommt, regelmäßig im Tempel singt, Musik macht und auch Musik-Vorlesungen gibt. Das berichtet Anuja Hariharan, eine liebe Freundin und ehemalige Kollegin von mir, im Vorfeld. Zusammen mit ihrem Mann Balaji Venugopal, welche beide aus Chennai stammen, hat sie Musiker aus der Region eingeladen, die teilweise nebenberuflich, teilweise hauptberuflich die indische klassische Musik spielen. Ziel des Festes ist es, die Bedeutung dieser Art von Musik in der Wahrnehmung der Menschen besser zu verankern und auf sie aufmerksam zu machen. Aus diesem Grund sind an diesem Freitagabend auch Musiker aus der Schweiz oder München vor Ort, um sich ganz der Musik hinzugeben. 

Jede Darbietung ist ein Fest für sich

Jede Sängerin und jeder Sänger gibt ein Mikro-Konzert von zwanzig Minuten, genauso wie jede Gruppe aus Musikern das tut. Drei aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammende Komponisten: Thyagaraja swamy, Muthuswamy Dikshitar und Shyama Sastry stehen als bedeutende Musiker der indischen Klassik gleichbedeutend auf einer Stufe mit den deutschen Klassik-Größen Mozart, Beethoven und Bach. „Die genannten indischen Musiker und deren Zeitgenossen haben im 17. und 18. Jahrhundert gelebt und zur Renaissance der indischen klassischen Musik beigetragen“, erzählt Balaji Venugopal im Vorgespräch. Die aus Süd-Indien stammende ursprüngliche klassische Musik besteht aus dem sogenannten „Ragam“; einer Gruppe von Noten und Notenfolgen, die Grundlage jeder Komposition ist. So gebe es immer, wenn man ein Lied komponiert habe, eine bestimmte Ragam-Folge, eine bestimmte Gruppe von Noten, die wie ein Akkord teilweise in der Anordnung der Noten in dieser Notenfolge noch variabel sei, berichtet Balaji Venugopal. So könne aus der Notenfolge c-d-e-f-g-h am Ende des Akkords die umgekehrte Folge h-g-f-e-d-c werden und dem hinzugefügt werden. „Durch diese Möglichkeit haben die Musiker einen großen Spielraum dafür, ihre Kreativität spielen zu lassen und zu experimentieren“, freut sich Balaji Venugopal. Jeder Künstler kann seine Musik so in seinem jeweils eigenen Stil präsentieren, improvisieren und darbieten. Eine Komposition wird so unter bestimmten Ragmen komponiert und ist von jedem Künstler individuell darstellbar.

„Ein sehr musikalischer und spiritueller Monat“

Hintergrund des kulturellen Festes, das bei der indischen Bevölkerung sehr beliebt ist, ist der Kalendermonat Marguuary, ein „sehr musikalischer Monat“, wie Balaji Venugopal berichtet. Seit dem 2. Jahrhundert vor Christus findet das Fest in diesem „sehr spirituellen und stabilen Monat“, wie er sagt, statt. So erzählt er, dass in diesem Zeitraum zwischen dem 15. Dezember und 15. Januar, in dem das Fest stattfindet, einerseits das Wetter gut sei, der Tourismus groß geschrieben werde und hier jeweils eine neue Stabilität innerhalb der indischen und sri-lankischen Bevölkerung entstehe. „In diesem Monat machen die Männer, was die Frauen sonst machen, zum Beispiel Yoga oder Tanz. Die Frauen machen, was die Männer sonst tun. Sie widmen sich zum Beispiel der Geometrie und dem Zeichnen“, so Balaji Venugopal. Die Spiritualität findet ihren Raum in diesem Monat. Was die Menschen in diesem Monat aber zum Beispiel nicht tun, ist es, zu heiraten oder ein Haus zu kaufen. Sie treffen in dieser Zeit keine bahnbrechenden Entscheidungen, erzählt Balaji Venugopal weiter. Die Lieder selbst sind religiös inspiriert. Sie zeugen von Anbetung oder Hingabe an die vielen verschiedenen hinduistischen Götter. Vergleichbar mit deutschen Kirchenliedern sind die indischen Klänge, denen vielfach ein melancholischer Grundton obliegt, nicht. Oft erzählen sie vom Leben der Götter. 

Das Fremde fasziniert und inspiriert mich

Im Tempel, in dem das Fest stattfindet und an dem am Ende über 150 Menschen, unter ihnen viele Familien mit Kindern, teilnehmen, findet am selben Tag der Gottesdienst zu Ehren der Göttin des Tempels, Saraswati, Göttin der Musik und der Bildung, statt. Sie wird neu eingekleidet. Neben ihr ist ein Gehäuse mit ihrem Mann. Hinter ihr solche mit ihren zwei Kindern. Sie alle bekommen zuerst das indische Essen, welches später die Teilnehmer des Festes zusammen verspeisen werden. Für mich als Christin ebenfalls neu ist, dass der Priester nach dem Gottesdienst mit dem Kerzenhalter hin zu den Teilnehmern des Gottesdienstes geht und ihnen dessen Flammen geradezu zu fächert.

Schließlich gibt es nach einem langen Tag das ersehnte indische Essen, mit vielen herzhaften, aber auch süßen Köstlichkeiten, welche teilweise sogar vor der Hauptspeise verzehrt werden, neben Reis in verschiedenen Variationen, Kartoffelringen, Gemüse, Kichererbsen, Fladen etc. Ein wirklich bewegendes Fest mit sehr weltoffenen Menschen und einer sehr interessanten fremden Kultur. Mögen Sie weiterhin Freude an ihrer Kultur haben und auf lange Sicht ein größeres Gebäude für ihre heranwachsende Gemeinde finden. 

Danke für die Gastfreundschaft!