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Über Wirtschaft UND Kultur kann man nicht berichten? - Von wegen!

Klassik ist nicht gleich Klassik oder: Wie ich die indische Kultur über die indische Variante des DAS FEST in Karlsruhe besser kennen lernte (Mi, 17 Jan 2018)
Unscheinbar ragt er im Hinterhof empor, zwischen Turn- und Sedansplatz, mitten in der Innenstadt Pforzheims, in der Turnstraße: der Hindu-Tempel der Anhänger der indischen und der sri-lankischen Gemeinde aus der Region Karlsruhe-Pforzheim. Noch erklingen keine Töne, die von dem Musikfest, das Pforzheimer Margazhi Utsavam 2018, zeugen. Stattdessen heißt es erst einmal: Schuhe ausziehen. Dies habe mit dem Respekt vor den Göttern und der individuellen Reinheit derer, die sie anbeten, zu tun, sagt mir im Laufe des Abends eine der aus Indien stammenden Teilnehmerinnen des Musikfestes. Ebenso interessant ist es, dass Tanz und Gesang unmittelbar in den Alltag und in die Erziehung der indischen Kinder einmünden und deren fester Bestandteil sind. Eben darum beginnen die Kinder an diesem Freitag um die Mittagszeit das Fest und zeigen bzw. zelebrieren stimmlich das, was sie über chennaitische Musik gelernt haben. Sie entstammt dem Austragungsort des Festes, der Region Madras/Chennai und Jaffna, einer tamilischen Stadt in Nord Sri Lanka. Viele Teilnehmer des Festes lernen bei der Musiklehrerin Jayadharshini, die aus Gernsbach kommt, regelmäßig im Tempel singt, Musik macht und auch Musik-Vorlesungen gibt. Das berichtet Anuja Hariharan, eine liebe Freundin und ehemalige Kollegin von mir, im Vorfeld. Zusammen mit ihrem Mann Balaji Venugopal, welche beide aus Chennai stammen, hat sie Musiker aus der Region eingeladen, die teilweise nebenberuflich, teilweise hauptberuflich die indische klassische Musik spielen. Ziel des Festes ist es, die Bedeutung dieser Art von Musik in der Wahrnehmung der Menschen besser zu verankern und auf sie aufmerksam zu machen. Aus diesem Grund sind an diesem Freitagabend auch Musiker aus der Schweiz oder München vor Ort, um sich ganz der Musik hinzugeben. Jede Darbietung ist ein Fest für sich Jede Sängerin und jeder Sänger gibt ein Mikro-Konzert von zwanzig Minuten, genauso wie jede Gruppe aus Musikern das tut. Drei aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammende Komponisten: Thyagaraja swamy, Muthuswamy Dikshitar und Shyama Sastry stehen als bedeutende Musiker der indischen Klassik gleichbedeutend auf einer Stufe mit den deutschen Klassik-Größen Mozart, Beethoven und Bach. „Die genannten indischen Musiker und deren Zeitgenossen haben im 17. und 18. Jahrhundert gelebt und zur Renaissance der indischen klassischen Musik beigetragen“, erzählt Balaji Venugopal im Vorgespräch. Die aus Süd-Indien stammende ursprüngliche klassische Musik besteht aus dem sogenannten „Ragam“; einer Gruppe von Noten und Notenfolgen, die Grundlage jeder Komposition ist. So gebe es immer, wenn man ein Lied komponiert habe, eine bestimmte Ragam-Folge, eine bestimmte Gruppe von Noten, die wie ein Akkord teilweise in der Anordnung der Noten in dieser Notenfolge noch variabel sei, berichtet Balaji Venugopal. So könne aus der Notenfolge c-d-e-f-g-h am Ende des Akkords die umgekehrte Folge h-g-f-e-d-c werden und dem hinzugefügt werden. „Durch diese Möglichkeit haben die Musiker einen großen Spielraum dafür, ihre Kreativität spielen zu lassen und zu experimentieren“, freut sich Balaji Venugopal. Jeder Künstler kann seine Musik so in seinem jeweils eigenen Stil präsentieren, improvisieren und darbieten. Eine Komposition wird so unter bestimmten Ragmen komponiert und ist von jedem Künstler individuell darstellbar. „Ein sehr musikalischer und spiritueller Monat“ Hintergrund des kulturellen Festes, das bei der indischen Bevölkerung sehr beliebt ist, ist der Kalendermonat Marguuary, ein „sehr musikalischer Monat“, wie Balaji Venugopal berichtet. Seit dem 2. Jahrhundert vor Christus findet das Fest in diesem „sehr spirituellen und stabilen Monat“, wie er sagt, statt. So erzählt er, dass in diesem Zeitraum zwischen dem 15. Dezember und 15. Januar, in dem das Fest stattfindet, einerseits das Wetter gut sei, der Tourismus groß geschrieben werde und hier jeweils eine neue Stabilität innerhalb der indischen und sri-lankischen Bevölkerung entstehe. „In diesem Monat machen die Männer, was die Frauen sonst machen, zum Beispiel Yoga oder Tanz. Die Frauen machen, was die Männer sonst tun. Sie widmen sich zum Beispiel der Geometrie und dem Zeichnen“, so Balaji Venugopal. Die Spiritualität findet ihren Raum in diesem Monat. Was die Menschen in diesem Monat aber zum Beispiel nicht tun, ist es, zu heiraten oder ein Haus zu kaufen. Sie treffen in dieser Zeit keine bahnbrechenden Entscheidungen, erzählt Balaji Venugopal weiter. Die Lieder selbst sind religiös inspiriert. Sie zeugen von Anbetung oder Hingabe an die vielen verschiedenen hinduistischen Götter. Vergleichbar mit deutschen Kirchenliedern sind die indischen Klänge, denen vielfach ein melancholischer Grundton obliegt, nicht. Oft erzählen sie vom Leben der Götter. Das Fremde fasziniert und inspiriert mich Im Tempel, in dem das Fest stattfindet und an dem am Ende über 150 Menschen, unter ihnen viele Familien mit Kindern, teilnehmen, findet am selben Tag der Gottesdienst zu Ehren der Göttin des Tempels, Saraswati, Göttin der Musik und der Bildung, statt. Sie wird neu eingekleidet. Neben ihr ist ein Gehäuse mit ihrem Mann. Hinter ihr solche mit ihren zwei Kindern. Sie alle bekommen zuerst das indische Essen, welches später die Teilnehmer des Festes zusammen verspeisen werden. Für mich als Christin ebenfalls neu ist, dass der Priester nach dem Gottesdienst mit dem Kerzenhalter hin zu den Teilnehmern des Gottesdienstes geht und ihnen dessen Flammen geradezu zu fächert. Schließlich gibt es nach einem langen Tag das ersehnte indische Essen, mit vielen herzhaften, aber auch süßen Köstlichkeiten, welche teilweise sogar vor der Hauptspeise verzehrt werden, neben Reis in verschiedenen Variationen, Kartoffelringen, Gemüse, Kichererbsen, Fladen etc. Ein wirklich bewegendes Fest mit sehr weltoffenen Menschen und einer sehr interessanten fremden Kultur. Mögen Sie weiterhin Freude an ihrer Kultur haben und auf lange Sicht ein größeres Gebäude für ihre heranwachsende Gemeinde finden. Danke für die Gastfreundschaft! https://www.facebook.com/jenny.warzecha
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Verharren im Alten oder Umgang mit der Problematik aktueller Problemfelder – Darmstädter Oratorium „Der Himmel über Sodom“ animiert die Besucher, sich über aktuelle gesellschaftliche Fragen Gedanken zu machen (So, 12 Nov 2017)
Was passiert, wenn man zeitgemäße Themen wie die der Flüchtlingskrise, des Bürgerkriegs und solche der Sexualität mit geschichtlichen Themen vermischt und sie dadurch noch einmal gezielter anspricht? Das Darmstädter Oratorium „Der Himmel über Sodom“ (nach der Bibel, Genesis 19), am 11.11.2017 uraufgeführt in der Pauluskirche nahe dem Böllenfalltor, greift die Themengebiete auf und gibt darauf einige mögliche Antworten für den geschätzten Zuhörer in der fast bis auf den letzten Platz bzw. die letzte Kirchenbank gefüllten Kirche. Das Libretto zum Oratorium stammt von Eric Giebel, Pfälzer, Schriftsteller, Literaturblogger und Übersetzer, der heute in Darmstadt lebt. Wolfgang Kleber, ein Darmstädter Organist, zeichnete sich für die Komposition und Leitung des Werkes verantwortlich. Als solcher dirigierte er nicht nur den zum größten Teil aus Mitgliedern des Paulus-Chores bestehenden Projektchor, der, wie das Programmheft verrät, insbesondere den Chor der Sodomiter, sondern einmal auch einen Soldatenchor darstellen soll. Und als solcher Dirigent empfängt er auch den überbordernden Beifall des Publikums am Ende der 90-minütigen Aufführung. „Das Musikwerk nimmt aktuelle Bezüge zur Frage auf, wie mit Asylsuchenden umgegangen werden soll. Es untersucht anhand der in der Bibel, im Koran und im Talmud erwähnten Geschichte von Sodom, ob ein Einzelner in einer zunehmend das Gastrecht ablehnenden Masse moralisch handeln kann“, erklärt das Programmheft. Besonders im Vorfeld und im Nachgang des Oratoriums wird die Frage damit beantwortet, dass Hilfsorganisationen wie Amnesty International auf die Problematik hinweisen und sich für entsprechende hilfsbedürftige Menschen einsetzen können. In der Einführung zum Stück, die eine dreiviertel Stunde vor Beginn des Oratoriums stattfindet, weist man darauf hin. Nachdem die letzten Klänge verhallt sind, bietet sich für die Besucher noch einmal die Gelegenheit, sich per Unterschriftenliste für besonders gefährdete Menschen einzusetzen. Star des Abends: Renatus Mészár in der Rolle des Lots In der Rolle des Lots, Richter von Sodom und Neffe des biblischen Abrahams, glänzt und zeichnet sich Bass Renatus Mészár, Opernsänger und seit 2012 Mitglied im Ensemble des Staatstheaters Karlsruhe, im Musikstück aus. Sein Bass steht und fällt je nach Stimmung des Stückes, gerade dann, wenn er das Volk zur Abkehr von Machtwillen, Missbrauch und Vergewaltigung bewegen möchte. Die eritreischen Engel Mebrathu (stimmgewaltig und überzeugend: Andreas Wagner, Tenor) und Sebhat (ausdrucksstark, gerade zu sexy und ebenfalls stimmgewaltig: David Pichlmaier) ergänzen ihn dazu perfekt, stehen sie doch zum Großteil sprichwörtlich auf einer höheren Ebene, einer Empore, über den Dingen. Nicht umsonst steht das Oratorium ganz im Sinne von Aischylos (vermutlich um 463 v. Christus), der dem Chor eine starke Position verleiht und ihn in die Rolle und tradierte Position des Handlungsträgers manövriert. Lot selbst steht dem Chor der Sodomiter mit seinem Chorführer am Ende geradezu hilflos gegenüber und avanciert zum tragischen Helden (durch schicksalhafte Verstrickungen). Am Ende siegt dennoch die Gewalt, die vor allem vom Chorführer (ebenfalls überzeugend: Mark Adler, Tenor) und von den Männern Sodoms, die Lots Haus überfallen, ausgeht. Überaus beeindruckend auch das jeweilige Vorspiel zu den insgesamt fünf Akten, beeindruckend interpretiert von Barbara Meszaros am Sopran, genauso überzeugend wie die Einstimmigkeit des gesamten Chores, der durch stimmliche Qualität alle Stimmungen von Trauer über Angst, Hoffnung und Wut transportiert. Wieder einmal wirft eine solche Interpretation einer biblischen Geschichte die Frage auf, warum Gewalt auf der Welt statttfinden muss und wie sie zu bekämpfen ist, eben gerade im Falle der Flüchtlingsproblematik. Möglicherweise hat dieses Oratorium gerade den Darmstädter Bürgern Anlass gegeben, darüber nachzudenken. Ein Beitrag zum Reformationsjubiläum, wie auch ein Plakat im Eingang der Kirche mit den veranschlagten 95 Thesen Luthers beweist, dass es sich auf jeden Fall lohnt, darüber nachzudenken. Zeit, über aktuelle Probleme nachzudenken, sie zu lösen, ganz im Sinne des Reformators Martin Luther, dessen Thesenanschlag zu Wittenberg am 31.10.1517 begann. Beispielhaft und nachahmenswert! Weiterführende Links: http://www.allgemeine-zeitung.de/freizeit/kunst-und-kultur/musik/der-himmel-ueber-sodom-neues-oratorium-in-darmstadt_18303618.htm http://gott-neu-entdecken.ekhn.de/veranstaltungen-projekte/projekte-vor-ort/der-himmel-ueber-sodom-oratorium.html http://www.mein-suedhessen.de/darmstadt/kultur/urauffuehrung-des-oratoriums-der-himmel-ueber-sodom-in-der-pauluskirche-darmstadt-d34383.html http://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/musik/der-himmel-ueber-sodom-neues-oratorium-in-darmstadt_18303618.htm - alle Links zuletzt abgerufen am 12.11.2017, um 00: 19 Uhr - Bildquelle: Jennifer Warzecha https://www.facebook.com/jenny.warzecha
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